Belastbare Risikodaten gelten als Grundvoraussetzung im Gewerbe- und Industrieversicherungsgeschäft. In der Praxis entscheidet jedoch weniger die Datenmenge als deren strukturierte Aufbereitung und Bewertung nach den Maßstäben der Versicherer. Warum Risk Engineering, technische Analyse und Werteevaluierung dabei eine zentrale Rolle spielen, erläutert Johannes Vogl im Interview.
Im Gewerbe- und Industriegeschäft wird häufig betont, wie wichtig belastbare Risikodaten sind. Woran scheitert aus Ihrer Erfahrung in der Praxis eine realistische Einschätzung der Risikoqualität von Unternehmen am häufigsten?
Die größte Herausforderung, die wir als Risikospezialist:innen zu diesem Thema in der Praxis sehen, liegt weniger in der Verfügbarkeit von Daten als vielmehr in den Anforderungen und Bewertungsstandards der Versicherer. Jeder Versicherer zieht zur Beurteilung der Risikoqualität unserer Klienten unterschiedliche Daten heran. Speziell im internationalen Versicherungsumfeld sind die Unterschiede in der Datenevaluierung eklatant. Wir bereiten die Unternehmensdaten, die wir bei unseren Risikoevaluierungen bekommen, an die jeweiligen Versicherungsmärkten angepasst auf. Diese Aufbereitung ist mit entsprechender Erfahrung und regelmäßigem Austausch mit den Risikoingenieur:innen der Versicherer möglich. Wenn die Versicherer ihre Daten im Rahmen von Surveys selbst erheben, besteht die Herausforderung wiederum darin, komplexe Sachverhalte in kurzer Zeit zu erfassen und diese adäquat für das eigene Underwriting adäquat aufzubereiten. Wer die Kombination dieser Faktoren kombiniert im Griff hat, wird auch die Risikoqualität realistisch einschätzen können.
Das Marktumfeld im Gewerbe- und Industrieversicherungsgeschäft gilt zunehmend als selektiv. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?
Branchen wie z.B. Recyling, Lebensmittel, Holzindustrie oder Gießereien zählen schon länger zu den Branchen, in denen wir besonders tiefgehende Expertise aufgebaut haben.. Gerade dort ist eine intensiveBetreuung im Risk Engineering notwendig, um Deckungen am Markt zu bekommen oder bestehende Deckungen zu erhalten. Die Sicherheitsstandards innerhalb dieser Branchen variieren immer noch stark, doch. einzelne Großschäden prägen den Ruf einer ganzen Branche, auch wenn einzelne Unternehmen top geschützt sind und ein hohes Risikobewusstsein haben. Umso wichtiger ist es hier für uns, die Risikodaten transparent aufzubereiten – was wiederrum der Schlüssel ist, um am Deckungsmarkt unterzukommen.
Technische Risikoanalysen spielen im Industriegeschäft eine zentrale Rolle. Welche Aspekte werden dabei aus Ihrer Sicht von Unternehmen oder auch Vermittlern noch immer unterschätzt?
Eine fundierte technische Risikoanalyse und speziell die entsprechende Aufbereitung der Informationen für das Underwriting erfordern Zeit, fachliches Know-how und Übersetzungsleistung zwischen der Sprache der Versicherer und jener der Unternehmen . Vielfach wird unterschätzt, dass brauchbare Informationen auch einen entsprechenden Wert haben und folglich fehlt oft Budget, um fundierte Risikoanalysen durchführen zu können. Dies resultiert häufig in oberflächlichen und teilweise wenig qualifizierten Analysen, die schließlich nicht zu einer realistischen Einschätzung der Risikoqualität führen.
Ein zentrales Thema im Industriegeschäft ist die Bewertung von Unternehmenswerten und Anlagen. Welche Bedeutung hat eine strukturierte Werteevaluierung für die Risikoanalyse und die Versicherbarkeit eines Unternehmens?
Die aktuellen Werte seines Unternehmens zu kennen, ist die Grundlage jeder fundierten Risikoanalyse. Im Sachversicherungsbereich betrifft das speziell die Werte für Gebäude, technisch-kaufmännische Betriebseinrichtung, Vorräte und natürlich auch den Deckungsbeitrag sowie diversen Nebenkosten und Vorsorgen. Daraus leiten sich Risikoinitiativen ab, egal ob es sich um Risikovermeidung, -minderung oder den Transfer von Risiken handelt. Im Schadenfall zeigt sich sehr schnell, wie wichtig eine strukturierte Werteevaluierung ist. Unterversicherung kann existenzielle Folgen haben, gleichzeitig ist aber auch der gegenteilige Fall problematisch: Zu hoch angesetzte Werte führen zu unnötig hohen Prämien und sind wirtschaftlich nicht sinnvoll. Beides lässt sich durch eine regelmäßige und plausible Bewertung vermeiden.
Viele Unternehmen beschäftigen sich erst intensiver mit ihrem Risikoprofil, wenn Versicherungsbedingungen schwieriger werden. Welche Rolle kann Risk Engineering dabei spielen, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu verbessern?
Wir sehen in der Praxis leider häufig, dass Unternehmen erst dann anfangen, sich mit ihrem Risikoprofil aus Sicht der Versicherung auseinanderzusetzen, wenn „der Hut brennt“. – typischerweise nach einem Schaden oder vor Renewals, wenn der Versicherer aussteigt und es schwierig wird, Kapazitäten am Markt zu finden. Von behördlicher Seite entspricht meistens alles den Anforderungen. Die Hauptaufgabe eines strukturierten Risk Engineerings besteht deshalb auch darin, dem Unternehmen das eigene Risikoprofil transparent darzustellen und daraus Maßnahmen abzuleiten. Diese erhöhen die Sicherheit im Unternehmen, tragen präventiv zur Schadenverhütung bei und machen natürlich auch das Unternehmen für den Versicherungsmarkt attraktiver. Wir sehen hier speziell bei Um- und Neubauten, aberauch im Rahmen der Transformation hin zu erneuerbaren Energiesystemen, wie PV-Anlagen in Kombination mit Speichersystemen, ein riesiges Potential. In diesen Phasen können wir unsere Klienten schon im Vorfeld über ergänzende Anforderungen der Versicherer, die über behördliche Vorgaben hinausgehen, informieren, um Deckungsdiskussionen schon im Vorfeld abzufedern.
Zwischen technischer Analyse, Risikoaufbereitung und der Platzierung bei Versicherern besteht ein enger Zusammenhang. Wie verändert eine professionelle Risikoaufbereitung konkret die Verhandlungsposition gegenüber Versicherern?
Je genauer wir als Risikospezialist:innen das Risikoprofil unserer Klienten kennen, desto gezielter und transparenter können wir es für den Versicherungsmarkt aufbereiten. Das hilft dem Underwriting, das speziell in Renewalphasen stark unter Druck steht, die Risikosituation im Unternehmen besser und schneller zu verstehen, und ist wesentlich bei den Verhandlungen. Weiters schafft es Vertrauen und zeigt auch unsere Risikokompetenz, was für langfristige Geschäftsbeziehungen wie wir bei GrECo sie pflegen wichtige Aspekte sind – speziell im Industrieversicherungsbereich, wo sich die Akteure seit Jahren kennen und zusammenarbeiten.
Beim AssCompact Gewerbe- & Industrieversicherungsforum 2026 sprechen Sie über „Engineering-Kompetenz als Erfolgsfaktor im Gewerbe- und Industriegeschäft“. Welche Aspekte der Risikoanalyse und -aufbereitung werden Sie in Ihrem Vortrag besonders beleuchten?
Im Vortrag werde ich speziell auf die strukturierte Erhebung und die zielgerichtete Aufbereitung von Risikodaten eingehen sowie den Nutzen daraus darstellen – sowohl für das Unternehmen, Risiko- und Versicherungsberater:in als auch den Versicherer. Anhand von Beispielen werden die Inhalte praxisnahe dargestellt.
Welche Rolle sollten Risiko- und Versicherungsberater künftig stärker einnehmen, wenn es um die technische Bewertung und Darstellung von Unternehmensrisiken geht?
Als Risiko- und Versicherungsberater steht bei GrECo die Beratung im Vordergrund und damit der Nutzen für alle involvierten Stakeholder. Die Beratung bezieht sich dabei nicht nur auf die Unternehmen, sondern auch auf die Versicherer. Wir alle sind gefordert, mit den wenigen zur Verfügung stehenden Ressourcen sehr sorgsam und effizient umzugehen. Daher ist eine intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit sehr wichtig, weil alle dasselbe Ziel verfolgen: die Steigerung der Risikoqualität und damit das Verhindern von Schäden.
