Jürgen Spari, Regional Manager bei GrECo in der Steiermark, spricht mit Christa Zengerer, Geschäftsführerin des ACstyria Mobilitätsclusters, über die zukünftigen Herausforderungen und Chancen in den Bereichen Automotive, Luftfahrt und Schienenverkehr. Sie diskutieren, wie die Mobilitätskonzepte der Zukunft aussehen werden und welche Rolle die Digitalisierung bei nachhaltigen und innovativen Mobilitätslösungen spielt.
Zukunftsweisende Innovationen in der Mobilität
Spari: Durch die Digitalisierung erlebt die Mobilitätsbranche einen enormen Wandel. Welche technologischen Entwicklungen haben laut dem Trendradar von ACstyria das Potenzial, in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu wegweisenden Innovationen in der nachhaltigen Mobilität zu werden?
Zengerer: ACstyria versteht sich als Technologiescout, der technologische Entwicklungen frühzeitig erkennt und bewertet und seinen Partnern relevante Trends und Entwicklungen zugänglich macht. Unser Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der steirischen Mobilitätsbranche zu sichern und unsere Partner dabei zu unterstützen, die Zukunft der Mobilität aktiv mitzugestalten. Unsere Strategie spiegelt die fünf definierten Zukunftsfelder für die steirische Mobilitätsbranche wider: digitale Geschäftsprozesse und -modelle, automatisierte Systeme, Antriebs- und Fahrzeugtechnologien, Werkstoffe, Werkstofftechnologien und Recyclingmanagement sowie KI, Elektronik und Softwareentwicklung.
Spari: Wie passen sich die Mitgliedsunternehmen an strengere Umweltvorschriften und Nachhaltigkeitsziele in der Mobilitätsbranche an?
Zengerer: Unsere Unternehmen und Institutionen stehen vor der Herausforderung, steigende Umweltanforderungen und ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele in der Mobilitätsbranche zu erfüllen. Sie begegnen diesen Anforderungen mit einem hohen Maß an Innovation.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die enge Vernetzung von Industrie und Wissenschaft, die im ACstyria-Netzwerk seit vielen Jahren praktiziert wird. Die daraus resultierende F&E-Quote von über zwölf Prozent im Cluster ist ein sichtbares Zeichen für die hohe Innovationskraft und die konsequente Ausrichtung auf zukunftsweisende Entwicklungen. Gemeinsame Forschungsprojekte, Technologieplattformen und langfristige Partnerschaften mit Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen bilden die Grundlage für den schnellen Transfer neuer Lösungen in industrielle Anwendungen.
Digitalisierung fördert nachhaltige Mobilität
Spari: Gibt es Unterschiede zwischen den Teilbereichen Automotive, Luftfahrt und Schienenverkehr?
Zengerer: Im Automobilbereich liegt der Fokus auf der Transformation hin zu alternativen Antrieben und der Digitalisierung von Fahrzeugen. Innovationen finden in sehr kurzen Zyklen statt, was von den Unternehmen ein hohes Maß an Flexibilität erfordert. Themen wie CO₂-Reduktion, Leichtbau, Batterie- und Antriebstechnologien sowie automatisiertes Fahren dominieren die Entwicklung. Unternehmen sind nicht nur mit neuen Marktteilnehmern konfrontiert, sondern auch mit neuen Märkten.
Die Luftfahrtindustrie hingegen ist stark von sicherheitsrelevanten Anforderungen und langen Entwicklungszeiten geprägt. Nachhaltigkeit wird hier vor allem durch den Einsatz neuer Materialien, Leichtbau und die Entwicklung alternativer Antriebssysteme, wie synthetische Kraftstoffe, vorangetrieben. Aufgrund der komplexen Zertifizierungsprozesse ist der Innovationsprozess hier aufwändiger, aber langfristig auch besser planbar.
Im Bereich des Schienenverkehrs liegt der Schwerpunkt vor allem auf der Steigerung der Effizienz, der Optimierung der Lebensdauer und der Intramodalität. Dank ihrer hohen Umweltverträglichkeit profitiert die Bahn stark von der Transformation der gesamten Mobilitätsbranche. Innovationen konzentrieren sich hier auf die Digitalisierung (z. B. vorausschauende Wartung), intelligente Steuerungssysteme und neue Materialien zur Gewichtsreduzierung. Auch hier ist die internationale Vernetzung unerlässlich, aber der technologische Wandel verläuft tendenziell kontinuierlicher als in der Automobilindustrie.

Ein schwieriger Balance Akt
Spari: Was sind die größten Herausforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit?
Zengerer: Die größten Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit bestehen darin, ökologische Ziele, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und technologische Machbarkeit in Einklang zu bringen. Zu den wichtigsten Themen gehören die Dekarbonisierung der gesamten Wertschöpfungskette, die Anpassung an sich ändernde rechtliche Rahmenbedingungen und die Nutzung neuer Technologien.
Die Digitalisierung spielt eine entscheidende Rolle, insbesondere im Automobilsektor, wo Innovationen wie vorausschauende Wartung, Routenoptimierung und Logistikautomatisierung die Betriebsabläufe verändern. Autonome Fahrzeuge und KI sind ebenfalls von zentraler Bedeutung und treiben Fortschritte bei automatisierten Fahrsystemen und intelligenten Mobilitätslösungen voran.
Die Transparenz in Lieferketten bleibt eine große Herausforderung, da sie eine umfassende Nachverfolgung und Dokumentation von Nachhaltigkeitskriterien bei allen Partnern erfordert, was in internationalen Netzwerken mit komplexen Strukturen kostspielig sein kann.
Zukunftssichere Mobilitätskonzepte
Spari: Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Säulen eines zukunftssicheren Mobilitätskonzepts?
Zengerer: Die Mobilität der Zukunft ist nachhaltig, digital, individuell und für alle zugänglich und erschwinglich. Es wird auch nicht nur ein einziges Mobilitätskonzept oder ein einziger Antrieb vorherrschen. Eine Mischung aus verschiedenen Konzepten und Antrieben, die unterschiedliche Anforderungen erfüllen, ist der Weg in die Zukunft.
Spari: Wie geht die Luft- und Raumfahrtindustrie mit Störungen in der Lieferkette und Cybersicherheitsbedrohungen um?
Zengerer: Bei den Lieferketten besteht eine hohe Abhängigkeit von sicherheitskritischen und komplexen Komponenten wie Triebwerken, für die es oft nur einen einzigen qualifizierten Lieferanten weltweit gibt. Wenn dieser Lieferant nicht liefern kann, kommt es zu Engpässen, da Ersatzteile mit erheblichem Aufwand und langwierigen Zertifizierungsverfahren verbunden sind. Kleinere Komponenten wie Elektronikteile lassen sich vergleichsweise leicht durch gleichwertige Anbieter ersetzen. In der Raumfahrt ist die Situation noch spezifischer. Aufgrund des hohen Maßes an Individualisierung und der fehlenden Serienproduktion sind die Lieferketten extrem komplex.
Die Luftfahrtindustrie war in Sachen Cybersicherheit schnell am Start, seit über 30 Jahren gelten hohe Standards. Es sind zwei Hauptszenarien zu berücksichtigen: zum einen das Flugzeug selbst, das durch die konsequente Trennung von sicherheitskritischen Systemen (Aircraft Domain) und Passagiernetzwerken (Passenger Domain) strukturell gut geschützt ist. Hier kommen etablierte, international koordinierte Sicherheitsarchitekturen zum Einsatz, die kontinuierlich weiterentwickelt werden.
Andererseits nutzt die Branche Lieferketten, in denen die Umsetzung von Cybersicherheitsmaßnahmen wesentlich komplexer ist. Die große Anzahl von Partnern, unterschiedliche Sicherheitsniveaus und die global verteilte Struktur erschweren die Einrichtung einheitlicher Schutzmaßnahmen. Hier sind ganzheitliche, skalierbare Ansätze erforderlich – beispielsweise in Form von verbindlichen Sicherheitsstandards für die gesamte Lieferkette und Sensibilisierungsschulungen für alle Beteiligten.
Die Rolle autonomer Fahrzeuge und KI
Spari: Auf welche technologischen Fortschritte konzentrieren sich die Mitgliedsunternehmen von ACstyria, um in der Mobilitätsbranche wettbewerbsfähig zu bleiben, und welche Rolle spielen autonome Fahrzeuge und KI bei der Gestaltung der Zukunft der Mobilität?
Zengerer: Unsere Unternehmen arbeiten an nachhaltigen Antriebstechnologien, Materialinnovationen, Digitalisierung sowie automatisierten und intelligenten Systemen.
Autonome Fahrzeuge und künstliche Intelligenz (KI) gelten als Schlüsseltechnologien der Zukunft, die unser Verständnis von Mobilität grundlegend verändern werden. In Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und Technologiepartnern entwickeln die Unternehmen des Clusters sowohl Komponenten als auch Subsysteme für das automatisierte Fahren – z. B. Sensoren, Aktoren, Steuerungssysteme und Sicherheitsarchitekturen.
KI-Technologien werden nicht nur für das autonome Fahren eingesetzt, sondern auch in Bereichen wie vorausschauende Wartung, Routenoptimierung, Logistikautomatisierung und bei der intelligenten Analyse großer Mobilitätsdaten.
Integration neuer Technologien in bestehende Systeme
Spari: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Integration neuer Technologien in bestehende Infrastrukturen und Systeme?
Zengerer: Die Integration neuer Technologien in bestehende Infrastrukturen ist eine der größten Herausforderungen der Mobilitätswende. In vielen Bereichen mangelt es an Schnittstellenstandards, Datenkompatibilität oder physischer Infrastruktur, beispielsweise bei der Nachrüstung von Ladestationen, Sensortechnik oder Kommunikationssystemen.
Ein wesentliches Hindernis ist dabei die Trägheit bestehender Systeme: Infrastrukturinvestitionen sind langfristige Investitionen, und Planungs- und Genehmigungsprozesse sind komplex und zeitaufwändig. Neue Technologien wie automatisiertes Fahren, Wasserstoffantrieb oder KI-gestützte Verkehrssteuerung stoßen daher auf bestehende Strukturen, die oft nur mit großem Aufwand angepasst werden können – sowohl technisch als auch organisatorisch.
Spari: Gibt es im Schienenverkehr besondere Herausforderungen hinsichtlich Urbanisierung und technologischer Integration?
Zengerer: Im Eisenbahnsektor stellen die zunehmende Urbanisierung und die hohe Systemkomplexität zusätzliche spezifische Herausforderungen dar. Einerseits steigen die Anforderungen an Taktfrequenz, Kapazität und Zuverlässigkeit in städtischen Gebieten, andererseits müssen neue technologische Komponenten wie digitale Stellwerke, automatische Fahrassistenzsysteme oder intelligente Instandhaltung (z. B. vorausschauende Instandhaltung) in ein engmaschiges Netz integriert werden, das oft im Laufe der Zeit gewachsen ist. Der internationale Schienenverkehr erfordert zudem eine Vielzahl technischer Standards, deren Harmonisierung noch immer stockend verläuft.
Spari: Wie sollten die Politik in Österreich und auf EU-Ebene Innovationen fördern und resiliente Lieferketten sicherstellen, insbesondere angesichts der steigenden Chip-Nachfrage aufgrund von Elektrifizierung und Software-Nutzung?
Zengerer: Die Politik in Österreich und auf EU-Ebene muss klare Rahmenbedingungen schaffen, die unternehmerisches Handeln ermöglichen. Europa und Österreich müssen wieder wettbewerbsfähig werden.
Spari: Welche Rolle spielt ACstyria im politischen Diskurs?
Zengerer: Seit ihrer Gründung vor 30 Jahren ist ACstyria ein Bindeglied zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und dem öffentlichen Sektor. In dieser Rolle fungiert sie als Sprachrohr der Wirtschaft (über 300 Unternehmen und Institutionen) im Umgang mit politischen Entscheidungsträgern. Durch die direkte Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen ist ACstyria in der Lage, die Bedürfnisse der Unternehmen zu identifizieren und an die relevanten politischen Entscheidungsträger weiterzugeben.
Über Christa Zengerer:
Christa Zengerer studierte Materialwissenschaften an der Universität Leoben und hatte verschiedene Führungspositionen inne, darunter die Geschäftsführung von ACstyria zwischen 2018 und 2022 sowie von 2024 bis heute. Sie hat das Netzwerk von ACstyria national und international erheblich erweitert und verbindet Wirtschaft, Wissenschaft und den öffentlichen Sektor miteinander.
Über ACstyria Mobilitätscluster
Mit mehr als 70.000 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von über 17 Milliarden Euro ist ACstyria Mobilitätscluster ein bedeutendes Netzwerk mit Sitz in der Steiermark, Österreich, das über 300 Unternehmen aus den Bereichen Automobil, Luft- und Raumfahrt sowie Bahnsysteme vertritt. ACstyria wurde 1995 gegründet und unterstützt seine Mitgliedsunternehmen durch Vernetzung und Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.





