„Es ist Zeit, von einer Verbotskultur zu einer Ermöglichungskultur überzugehen”

Georg Winter

CEO

4 Min. Lesedauer

Martin Zahlbruckner, CEO delfortgroup AG und Georg Winter, CEO GrECo im Gespräch über die Chancen von Captives für Österreichs Wirtschaftsstandort.

Als CEO der delfortgroup AG unterstützen Sie die Initiative, Österreich als Standort für Captives zu etablieren. Warum jetzt?

Zahlbruckner: Die letzten Jahre waren von zahlreichen Herausforderungen geprägt und haben uns gezeigt, wie stark systemische Unsicherheiten Unternehmen beeinflussen können. Der Krieg in der Ukraine und der wiederaufgeflammte Konflikt im Nahen Osten haben weltweit geopolitische Spannungen verursacht, die nicht nur globale Transportwege beeinträchtigt, sondern auch ganze Märkte unzugänglicher gemacht haben.

Gleichzeitig steht die Papier- und Zellstoffindustrie vor der großen Herausforderung, sich dem Klimawandel zu stellen. Die Einführung neuer Technologien zur Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft ist zwar entscheidend, bringt jedoch auch neue schwer kalkulierbare Risiken mit sich. Und da haben wir noch nicht darüber gesprochen, welche Herausforderungen die Zukunft mit sich bringt. Themen wie Wasserknappheit stehen bereits vor der Tür und werden zunehmend ein kritischer Faktor für die Papierproduktion. Diese Kombination aus unmittelbaren Unsicherheiten und langfristigen Herausforderungen macht deutlich, dass herkömmliche Risikomanagement-Ansätze an ihre Grenzen stoßen.

Es braucht ein effektives und modernes Risikomanagement, um den Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Captives spielen dabei eine wichtige Rolle.

Können große und erfahrene Versicherungskonzerne diese komplexen Risiken nicht viel besser managen?

Winter: In der Theorie wäre es ideal, wenn die großen Versicherer diese Risiken übernehmen könnten, dann wäre man bei ihnen jedenfalls am besten aufgehoben. Doch in der Praxis stoßen auch sie an ihre Grenzen. Das Problem ist, dass die Versicherer angesichts der vielfältigen Krisen nicht mehr alle Risiken übernehmen, weil sie aus ihrer Sicht schlichtweg als „nicht versicherbar“ gelten. Insbesondere bei neuen und dynamischen Risiken wie Klimafolgen, Cyberangriffen oder innovativen Technologien fehlt oft die Erfahrung aus der Vergangenheit, um sie abzuschätzen und Prämien kalkulieren zu können. Dies führt dazu, dass trotz Maßnahmen zur Risikovermeidung, -minderung und gezieltem Transfer immer mehr Risiken von den Unternehmen selbst getragen werden müssen.
 
Die Schere der Unversicherbarkeit wird immer größer. Eine aktuelle McKinsey Untersuchung zeigt, dass die Differenz zwischen wirtschaftlichen Verlusten und versicherten Schäden bei Naturkatastrophen von 2022 auf 2023 um fast 50 Prozent gestiegen ist. Dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen.
 
Unternehmen müssen neue Wege gehen, um solche Risiken zu managen. Eine Möglichkeit ist es, diese über Captives gezielt selbst zu tragen.

Was würde die Etablierung einer Captive für Ihr Unternehmen bedeuten?

Zahlbruckner: Unter anderem vor allem Flexibilität und Stabilität. Eine Captive bietet die Möglichkeit, uns gezielt auf schwer einschätzbare zukünftige Bedrohungen vorzubereiten. Dadurch können wir nicht nur schneller und agiler auf neue Herausforderungen reagieren, sondern auch unsere Risikokosten langfristig stabilisieren – unabhängig von den teils stark schwankenden Prämien der Versicherer. Auf diese Weise können wir Resilienz aufbauen und auch in Krisenzeiten international wettbewerbsfähig bleiben. Vor allem das Angebot regionaler Lösungen würde diese beiden Werte nochmals deutlich unterstreichen.

In anderen Ländern sind Captives schon ein etabliertes Modell.  Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit?

Winter: Viele europäische Länder haben das Potenzial von Captives schon erkannt und die Weichen gestellt. Neben den etablierten Domizilen, wie z.B. Luxemburg und Irland, hat Frankreich 2023 gezielt an den richtigen Schrauben gedreht und regulatorische Anpassungen vorgenommen, die es erleichtern Captives zu gründen. Laut Interessensvertretung der französischen Wirtschaft wird sich dadurch die Anzahl der Captives bis 2025 vervierfachen. Auch Großbritannien strebt Reformen der Rahmenbedingungen für Captives an. Der Finanzminister hat kürzlich ein Konsultationspapier veröffentlicht und bittet Stakeholder, bis Februar 2025 dazu Stellung zu nehmen. Die Regierung erwartet, mit dieser Initiative den britischen Finanzplatz zu stärken. Unsere Erfahrung und Beispiele anderer Länder zeigen, dass Unternehmen regionale Lösungen bevorzugen und ihre Captives viel lieber in den Ländern gründen, in denen auch die Muttergesellschaften ansässig sind. Daher ist es für uns ein Gebot der Stunde, dass die Politik das Potential von Captives für Österreich erkennt und die notwendigen Maßnahmen umsetzt, um unseren Wirtschaftsstandort nachhaltig zu stärken und international wettbewerbsfähig zu machen.

Georg Winter Interview

Welche Herausforderungen bestehen heute für Unternehmen beim Einsatz von Captives in Österreich?


Winter: Eine Captive ist kein Pop-up-Store, sondern ein Instrument für langfristiges Risikomanagement. Daher erfordert die Gründung und der Betrieb einer Captive per se eine sorgfältige Planung. Viele Unternehmen zögern jedoch, hierzulande eine Captive zu gründen, weil der Gründungsprozess zu komplex, die Berichtspflichten zu streng und die steuerlichen Bedingungen unattraktiv sind. Um Captives in Österreich voranzubringen, brauchen wir klare gesetzliche Regelungen, steuerliche Unterscheidungen und die Förderung der Risiko-Eigentragung.

Zahlbruckner: Das kann ich nur bestätigen. Die nationalen Rahmenbedingungen für unsere Industrie haben sich bedauerlicherweise in den letzten Jahren negativ entwickelt. Übermäßige Verwaltungsanforderungen und Regulierungen führen zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen im internationalen Vergleich. Es ist entscheidend, dass wir von einer Verbotskultur zu einer Ermöglichungskultur übergehen, die unseren Standort nicht gefährdet, sondern Mut und langfristige Zuversicht fördert.

Das heißt Captives können unseren Wirtschaftsstandort nachhaltig stärken?

Zahlbruckner: Definitiv, Captives sind ein wichtiger Hebel und fördern die Innovationskraft. Die derzeit oft fehlende Sicherheit für Innovationen hemmt die Risikobereitschaft der Unternehmen. Captives ermöglichen es, Risiken aus neuen Technologien im Unternehmen abzusichern und damit sicherzustellen, dass sich Unternehmen weiterentwickeln und wachsen können. Damit wird die Position von Forschung und Entwicklung in Österreich und die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt.

Winter: Und nicht nur das – durch die Entwicklung zum Captive-Standort gewinnt auch der Finanzplatz Österreich international an Attraktivität. Das etabliert Österreich noch stärker als bedeutenden Hub in Zentral- und Osteuropa und schafft neue Arbeitsplätze für hochqualifizierte Expert:innen im Land. Österreich darf jetzt die Chancen nicht verpassen und ins Hintertreffen geraten. Die richtigen Maßnahmen sind entscheidend, um die Resilienz der Unternehmen und die wirtschaftliche Position unseres Landes zu stärken.

Martin Zahlbruckner

CEO
delfortgroup AG

Georg Winter

CEO GrECo Group

T +43 664 962 39 06

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Feber 25, 2025