Vertrauen ist gut, Prüfung ist besser
Stellen Sie sich vor, Sie fahren für längere Zeit auf Urlaub und möchten Ihre Wohnung während Ihrer Abwesenheit betreut wissen. Ein Nachbar, den Sie seit Jahren kennen, bietet seine Unterstützung gegen eine Aufwandsentschädigung von EUR 200 an. Alternativ meldet sich über eine Online-Plattform eine Ihnen unbekannte Person, die EUR 150 verlangt und sich lediglich mit einem Ausweisscan legitimiert. Die Entscheidung sollte nicht allein vom Preis abhängen. Wer Verantwortung überträgt, achtet auf Verlässlichkeit, Erfahrung und eine sorgfältige Prüfung des Gegenübers. Genau dieser Grundsatz sollte auch bei der Auswahl von Frachtführern und Subfrachtführern gelten.
Ladungsveruntreuungen nehmen zu
Genau dieser Grundsatz sollte auch im Speditionsbereich gelten, wo sich Unternehmen zunehmend mit professionell auftretenden Betrügern konfrontiert sehen, die sich als seriöse Frachtführer ausgeben und Waren veruntreuen. Michael Hauswirth, Versicherungsspezialist im Competence Center Transport & Logistik bei GrECo bestätigt diese Tendenz: „Als Risikomanager mit aktivem Schadenmanagement erleben wir die angespannte Situation unmittelbar. Trotz umfangreicher Präventionsmaßnahmen unserer Klienten werden uns regelmäßig Fälle von Ladungsveruntreuungen gemeldet.“ Aus zahlreichen Gesprächen mit Marktteilnehmern sei zudem bekannt, dass die tatsächliche Zahl der Schäden durch Ladungsveruntreuungen in letzter Zeit sehr stark angestiegen ist.
Die Entwicklung bleibt auch auf Versichererseite nicht ohne Folgen. Insbesondere in Deutschland reagieren bereits viele Versicherer auf steigende Schadenquoten mit strengeren Anforderungen und Einschränkungen. Dazu zählen unter anderem Prämienerhöhungen, erhöhte Selbstbehalte bei Ladungsveruntreuungen, Ausschlüsse bestimmter Warengruppen (z.B. Kupfer) oder Einschränkungen bei den Beauftragungen von Subfrachtführern über Frachtenbörsen. Zunehmend werden auch dokumentierte Prüf- und Verhaltensrichtlinien für Mitarbeitende gefordert. „Für viele Unternehmen bedeutet das nicht nur einen höheren Präventionsaufwand, sondern auch steigende Kosten und finanzielle Risiken im Schadenfall“, erklärt Hauswirth.
Maßnahmen zur Risikominimierung
Aus der Schadenpraxis zeigt sich immer wieder, dass bereits im Vorfeld Warnsignale erkennbar gewesen wären. „Teilweise reichen einfache Plausibilitätsprüfungen aus, um Auffälligkeiten festzustellen“, so Hauswirth. So können beispielsweise Unterschiede zwischen der offiziellen Unternehmenswebsite und den verwendeten E-Mail-Adressen auf Betrugsversuche hindeuten. Gleichzeitig führt Zeitdruck häufig dazu, dass notwendige Prüfungen nicht mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt werden. Der wichtigste Rat des Spezialisten ist daher ebenso einfach wie wirkungsvoll: Zeit für die Prüfung nehmen und den Hausverstand einsetzen. Im Zweifel kann es wirtschaftlich sinnvoller sein, einen Auftrag abzulehnen, als später einen erheblichen Schaden zu tragen. Zudem stehen zahlreiche Leitfäden und Handlungsempfehlungen von Versicherern und Versicherungsmaklern zur Verfügung, die Unternehmen bei der Auswahl und Prüfung von Subfrachtführern unterstützen. Einen entsprechenden Greco-Leitfaden finden Sie über den QR-Code am Ende dieses Beitrags.
Hauswirth empfiehlt insbesondere folgende Maßnahmen:
- Frachtenbörsen nur im Ausnahmefall nutzen
- Für die Prüfung und Freischaltung neuer Subfrächter ausreichend Zeit nehmen
- Transporte von hochwertigen und teuren Gütern nur mit bekannten und langjährig geprüften Transportpartnern befördern.
- Fahrer und Kennzeichen bei der Beladung konsequent kontrollieren.
- Kontrolle der Frachtdokumente vor Fahrtantritt
- Auch bei zeitlichem definierte Prüfprozesse konsequent einhalten
- Versicherungsbestätigungen des stets beim angeführten Versicherer verifizieren
Künstliche Intelligenz als Unterstützung, nicht als Ersatz
Auch sogenannte Subfrächterprüfungsprogramme gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Diese Systeme unterstützen Unternehmen dabei, Geschäftspartner automatisiert zu prüfen und potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine immer größere Rolle. „Solche Lösungen stellen eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Prüfprozessen dar“, sagt Hauswirth. Sie könnten jedoch die Eigenverantwortung der Unternehmen nicht ersetzen. Schließlich sei auch zu berücksichtigen, dass Anbieter solcher Systeme in der Regel keine Haftung für Fehlinformationen übernehmen. Das Fazit fällt daher eindeutig aus: Technische Lösungen, Checklisten und Prüfprogramme können wertvolle Unterstützung leisten. Die wichtigste Präventionsmaßnahme bleibt jedoch eine sorgfältige Prüfung potenzieller Geschäftspartner sowie die konsequente Anwendung von Hausverstand.

