Die EU-Kommission hat den Vorschlag zum European Cyber Resilience Act (kurz CRA-E) im September 2022 finalisiert. Ziel der neuen gesetzlichen Richtlinie ist die Verbesserung der Cybersicherheit vernetzter Produkte und damit auch die Stärkung der Cybersicherheit im gesamten EU-Raum.
Der CRA-E verpflichtet sowohl Hersteller, Importeure als auch Händler, ein gewisses Maß an Security während des gesamten Lebenszyklus eines Produktes zu gewährleisten. Mit dem CRA-E wird erstmalig eine allgemein bindende Gesetzgebung zur vollumfänglichen Berücksichtigung der Cybersicherheit vernetzter Produkte vorgelegt.
Als vernetztes Produkt zählt jegliche Software und Hardware, deren Verwendungszweck oder Einsatz eine direkte logische oder physische Datenverbindung mit einem Gerät oder Netzwerk vorsieht. Damit sind praktisch alle Produkte, die in irgendeiner Weise mit anderen Produkten (Bluetooth, serielle Schnittstelle, etc.) kommunizieren oder mit Netzwerken (WiFi, Ethernet, etc.) verbunden werden, eingeschlossen. Dies betrifft natürlich auch smarte Produkte sowie Geräte mit Funktionen für KI-gesteuerte Datenanalyse- und Auswertung, oder Produkte mit Möglichkeiten zur Fernwartung.
Hardware- und Softwareprodukte sind häufig Cyberangriffen ausgesetzt, und zwar sehr erfolgreich. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn vernetzte Produkte leiden oft an einem niedrigen Cyber Security Niveau. Die zum Teil unzureichende Bereitstellung von Sicherheits-Updates zählen zu ihren weit verbreiteten Schwachstellen. Das hat weitreichende Folgen: Die Cyberkriminalität kostet mittlerweile geschätzte 5,5 Billionen EUR pro Jahr.
Quelle: Executive Summary of the Impact Assessment Report zum CRA-E
Für Hersteller smarter Produkte ergeben sich aus dem CRA-E eine Reihe zusätzlicher Anforderungen. Ganz allgemein wird eine Professionalisierung ihrer Security-Aktivitäten verlangt. Zum einen geht es um die stringente Umsetzung sicherer Entwicklungspraktiken und Schutzmaßnahmen. Zum anderen wird die Etablierung eines systematischen Schwachstellenmanagements verpflichtend werden. Die Umsetzung dieser Vorgaben erfordert auch zusätzliche Dokumentationen, die nicht zuletzt die Bereitstellung von Nachweisen für eine Prüfung erst möglich machen werden.
Das sind die Herausforderungen für Entwickler und Produzenten smarter Produkte:
- Zusammenwachsen der physischen und digitalen Welt – das geforderte Cyber Risk Assessment
Die systematische Durchführung eines Cyber Risk Assessments und auch die Berücksichtigung der Resultate dieser Analyse erfordern ein allgemeines Umdenken in der Produktentwicklung. Cybersicherheit muss bereits in den frühesten Entwicklungsphasen von Produkten ein integraler Bestandteil sein. Zudem erfordert die holistische Betrachtung von Cyber Security Risiken im erweiterten Produktkontext (inkl. datenverarbeitender Systeme in der Cloud) den Einsatz geeigneter Methoden für das Cyber Risk Assessment.
Gängige Ansätze, die aktuell häufig in der Entwicklung von Hard- und Software getrennt voneinander angewendet werden, müssen überdacht und gegebenenfalls zusammengeführt werden. Es ist nicht mehr ausreichend, Cyber Security im Kontext von Hardware und losgelöst von umgebenden Systemen und Software zu betrachten. Daher müssen beispielsweise Bedrohungsmodellierungstechniken eingesetzt werden, die eine gemeinsame Betrachtung zulassen. Ebenso muss die eingesetzte Methodik zur Risikobewertung die angeführten Aspekte gleichermaßen unterstützen. Dies gilt auch, wenn beispielsweise Teile der Entwicklungsarbeit durch Dritte erbracht werden.
- Ganzheitliches Management von Cyber Security Schwachstellen – für die geplante Lebensdauer des Produktes
Der CRA-E verlangt von jedem Hersteller zunächst, dass seine Produkte ohne bekannte Schwachstellen ausgeliefert werden. Dies ist an sich schon eine große Herausforderung. In Anbetracht der Vielzahl eingesetzter Softwarekomponenten und deren laufender Aktualisierung wird der Einsatz technischer Maßnahmen zur Überprüfung möglicher Schwachstellen und gefährdeter Komponenten erforderlich.
Weiters werden Hersteller dazu verpflichtet, Sicherheits-Updates für deren vernetzte Produkte über die erwartete Produktlebensdauer (oder 5 Jahre, je nachdem was kürzer ist) bereit zu stellen. Dies erfordert die Etablierung eines systematischen Schwachstellenmanagement-Prozesses und die dazu nötigen Personalressourcen, um auf Schwachstellen reagieren zu können. In weiterer Folge müssen diese in angemessener Zeit behoben, betroffene Kunden und Regulierungsbehörden darüber informiert sowie Sicherheits-Updates bereitgestellt werden. - Technische Produktdokumentation auf das nächste Niveau heben – nicht nur für das verpflichtende CRA-E Assessment
Entsprechend der Vorgaben des CRA-E werden Hersteller zukünftig verpflichtet, gemeinsam mit dem Produkt eine grundlegende technische Dokumentation bereit zu stellen. Diese muss neben einer allgemeinen Systembeschreibung, Erläuterungen zum Entwicklungsprozess selbst, die Ergebnisse des durchgeführten Cyber Risk Assessments und Ergebnisse von Sicherheitsüberprüfungen zur Konformität mit den Vorgaben der CRA-E enthalten. Weiters wird eine Software Bill of Materials (SBOM) in der Produkt-Dokumentation eingefordert. Damit werden eine Reihe von Dokumentationsartefakte, die bislang vor allem intern genutzt wurden, auch einem breiteren externen Kreis inkl. potenzieller und bestehender Kunden zugänglich gemacht. Damit einhergehend müssen die Qualitätskriterien in der Produkt-Dokumentation verschärft werden.
Verstöße gegen die Vorgaben des CRA-E werden mit empfindlichen Geldstrafen von bis zu 15 Millionen EUR belegt oder bis zu 2,5 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Das ist bitter, aber Hersteller smarter Produkte sollten auch die Chancen der neuen Verordnung sehen. Zum einen werden sie selbst –
in ihrer Rolle als Kunden – von einem höheren Maß an Cybersicherheit in genutzten Drittanbieterkomponenten sowie von schnelleren Reaktionszeiten bei der Behebung von Schwachstellen profitieren. Auf der anderen Seite sieht der CRA-E die Vergabe des CE-Siegels für konforme Produkte vor und gibt Herstellern durch die transparenten Dokumentationsvorgaben auch die Möglichkeit, sich mit einem professionellen Vorgehen gegenüber Mitbewerbern hervorzuheben.
Das Inkrafttreten des CRA-E wird noch 2023 erwartet. Für Hersteller vernetzter Produkte bleibt damit nur wenig Zeit, um erforderliche Maßnahmen vorzunehmen und die Einführung eines Schwachstellenmanagements zu etablieren. Die vorgesehenen Fristen von 12 Monaten (für Schwachstellenmanagement) und 24 Monaten (vollumfängliche Umsetzung des CRA-E) sind für Unternehmen mit geringerem Cyber Security Reifegrad –
und in Anbetracht des aktuellen Mangels an Cyber Security Experten am Arbeitsmarkt – ohne umgehende Vorbereitung kaum einzuhalten.
CERTAINITY bietet umfassende Security Engineering Beratungsleistungen zur Unterstützung bei der Umsetzung des CRA-E an. Fragen Sie nach unserem initialen Workshop zur Vorstellung des CRA-E und der individuellen Bedarfsklärung über sales@certainity.com oder direkt bei michael.brunner@certainity.com an.
Michael Brunner leitet seit Juni 2022 die CERTAINITY Practice Security Engineering. Er befasst sich seit Jahren intensiv mit Themen zur sicheren Software- und Produktentwicklung, Security Architekturen und der Etablierung zugehöriger Prozesse – insbesondere in Bereichen der kritischen Infrastruktur.
CERTAINITY ist ein in Österreich gegründetes Beratungsunternehmen für Cyber Security mit Hauptsitz in Wien. Die erfahrenen Experten der CERTAINITY begleiten Unternehmen bei der nachhaltigen Verbesserung der Widerstandsfähigkeit ihrer Organisation. Die Mitglieder des CERTAINITY Consulting Teams verfügen im Schnitt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bereich IT-Security & Informationssicherheit. Das Dienstleistungsportfolio der CERTAINITY umfasst sowohl operative als auch strategische Cyber Security Beratungsleistungen in den Spezialbereichen Offensive Security, Defensive Security, Process Consulting und Security Engineering.
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