Bei sorgfältiger Gestaltung und Verwaltung können Captives ein Instrument von Risikomanager:innen für große Unternehmen sein, um die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Transformationsrisiken infolge des Klimawandels zu erhöhen.
Captive-Versicherungslösungen bieten eine nachhaltige und flexible Möglichkeit für große Unternehmen (mit einem Umsatz von mehr als 500 Millionen Euro), sich gegen die wachsenden, oft unvorhersehbaren Risiken zu schützen, die durch den Klimawandel und andere globale Herausforderungen entstehen. Für Risikomanager:innen ist es entscheidend, diese Lösungen schon heute bei der Entwicklung ihrer Risikomanagementstrategien für morgen zu berücksichtigen.
Die dynamischen Veränderungen in der Risikolandschaft großer Unternehmen haben immer wieder die Grenzen traditioneller Versicherungslösungen aufgezeigt, sei es durch mangelnde Kapazität, Ausschlussklauseln oder unangemessene Preissteigerungen. Der Klimawandel mit seinen primären und sekundären Transformationsrisiken dürfte in Zukunft zu einer zunehmenden Herausforderung für Unternehmensführer:innen und ihre Risikostrategie werden.
Zu den primären Transformationsrisiken zählen physische Klimarisiken, die sich direkt aus der Klimaerwärmung ergeben. Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Stürme oder Waldbrände können erhebliche Schäden an den Vermögenswerten der Unternehmen verursachen und führen häufig zu
Betriebsunterbrechungen. Jüngste Katastrophen, wie die Stürme in Slowenien im August 2023, belegen dies.
Sekundäre Transformationsrisiken sind spekulativ und beinhalten Risiken und Chancen. Sie entstehen durch die Anpassung von Geschäftsmodellen (Produkte, Anwendungen, Prozesse, Techniken) an
den Klimawandel und führen damit zu einer Veränderung der Risikolandschaft. Beispielsweise verändert die Einführung von Kreislaufsystemen, wie Recycling- und Upcycling-Modelle, häufig die Anforderungen an das Qualitätsmanagement, die Logistikstrukturen und die Haftungspotenziale.
Auch Produktionsprozesse müssen an die klimatischen Herausforderungen angepasst werden. Die Verschiebung von Vegetationszonen kann das Risiko von Trockenheit und Engpässen bei der Kühlwasserversorgung auslösen. Extreme Wetterereignisse können zu Stromausfällen oder Schäden an der öffentlichen Infrastruktur führen und damit zu Produktionsstörungen, deren Ursachen außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Aus der Sicht des betroffenen Unternehmens handelt es sich dabei um eine so genannte “schadenfreie Betriebsunterbrechung”, die traditionell schwer zu versichern ist. Wenn sie versicherbar ist, dann nur in Verbindung mit einem engen Ausschlussregime und einem weit über der Schadenerwartung liegenden Preis.
Für das Risikomanagement ist es wichtig, die Auswirkungen von Transformationsrisiken auf die Vermögenswerte zu erkennen und die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern sowie Schwachstellen so gut wie möglich zu beseitigen.
Wenn der traditionelle Risikotrasnfer versagt …
Für den Erst- und Rückversicherungsmarkt wird es in Zukunft eine noch größere Herausforderung sein, seiner ökonomischen, sozialen und ökologischen Verantwortung gerecht zu werden und der Gesellschaft und Wirtschaft eine ausreichende Deckung für Transformationsrisiken zu bieten.
Weltweite Naturkatastrophen führen bereits heute zu Prämienerhöhungen bei traditionellen Versicherungslösungen. Sich allein auf einen Anbieter von NatCat-Modellen zu verlassen, wird das Problem
der bezahlbaren Kapazität nicht lösen. Die Situation wird sich fortsetzen: hohe Risiken werden begrenzte Kapazitäten zu hohen Margenpreisen nach sich ziehen.
Große Unternehmen haben jedoch Optionen. Es gibt bewährte Lösungen, um den klassischen Risikotransfer hinter sich zu lassen, oder zumindest Teillösungen, die zu alternativen Optionen gestaltet werden können.
Nachhaltig und flexibel die Risiken von morgen managen.
Alternativer Risikotransfer (ART), zum Beispiel durch Captives, bietet nachhaltige und flexible Lösungen, insbesondere dort, wo der traditionelle Risikotransfer an seine Grenzen stößt. Bei großen Unternehmen beobachten wir zunehmend ein Umdenken in Richtung alternativer, innovativer Risikofinanzierungsmodelle.
Captives erfordern ein langfristiges Engagement (mindestens sieben bis zehn Jahre) des Eigentümers. Eine Captive kann im Laufe der Zeit weiterentwickelt werden, indem ihre Flexibilität weiter angepasst wird, wenn die Risikolandschaft Veränderungen erfordert. Eine Schwankungsrückstellung streckt potenzielle Schadenzahlungen über die Zeit. Dies ist ein bedeutender Vorteil im Vergleich zum Eigentum über den operativen Cashflow oder die Bilanzfonds.
Systemische Veränderungen wie der Klimawandel oder geopolitische Entwicklungen werden weiter an Bedeutung gewinnen und zu einem strategischen Wandel führen.
Hintergrund
Eine Captive ist eine unabhängige Rück(ver)sicherungsgesellschaft im Besitz eines Unternehmens. Weltweit gibt es etwa 9.000 Captives in rund 70 Ländern. Beliebte Captive-Regionen für europäische Unternehmen sind Luxemburg, Irland und Malta. Etwa 80 % der Captives werden als Rückversicherungsgesellschaften gegründet. Dabei übernimmt ein professioneller Erstversicherer über ein Fronting-Arrangement die üblichen Aufgaben.
Strategische Gründe
- Flexibilität: Künftiges Wachstum und Veränderungen bei Geschäftsmodellen und der
Risikolandschaft erfordern flexible Lösungen. Captives bieten die Möglichkeit,
den Versicherungsschutz individuell zu gestalten, d.h. sich auf zukünftige –
oft traditionell nicht versicherbare – Risiken einzustellen und diese
langfristig zu versichern – unabhängig von der Risikobereitschaft des
Versicherungsmarktes. Dies hat auch eine glättende Wirkung auf die Bilanzen für
solche Risiken. Captives können Versicherungsprogramme widerstandsfähiger
machen. - Die Unabhängigkeit der Versicherer wird gestärkt: Captives sind langfristige
Instrumente des Risikomanagements. Sie können Finanzmittel bereitstellen, um
“Lücken oder Kapazitätsengpässe” in traditionellen
Versicherungsprogrammen zu füllen. Dadurch können auch Beschränkungen im
Zusammenhang mit Naturkatastrophen beseitigt oder verringert werden. Mit
zunehmender Reife der Captive wächst der Überschuss, was ihr eine größere
Kapazität zur Risikotragung und eine noch größere Unabhängigkeit verleiht. - Signalwirkung für den Versicherungsmarkt: Durch die Übernahme von Risiken und die Gründung einer Captive signalisieren die Unternehmen dem Versicherungsmarkt, dass sie von der Stärke ihres Risikomanagements überzeugt sind. Dies bedeutet, dass eine Captive die Interessen des Versicherungsmarktes mit denen der Unternehmen verbindet; dies ist eine starke Botschaft und kann zu mehr Stärke bei Verhandlungen mit dem Versicherungsmarkt führen.
Der schwierige Markt der letzten Jahre hat die finanziellen Faktoren von Captive-Lösungen für Unternehmen in stark betroffenen Branchen wie Chemie/Pharma oder der holzverarbeitenden Industrie zusätzlich in den Vordergrund gerückt. Captives koppeln die Unternehmen zumindest teilweise von der Volatilität des traditionellen Versicherungsmarktes ab und stabilisieren die Preise.
Finanzielle Gründe für alternative Lösungen
- Kostenkontrolle und Preisstabilisierung: Wenn die so genannte Schadenquote des Schadenverlaufs unauffällig ist und unter der technischen Preisgestaltung liegt, bietet eine Captive mehr Flexibilität in Bezug auf das Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag und fördert alle Arten des aktiven Risikomanagements. Bis zu einem gewissen Grad können Prämienerhöhungen aufgrund von Marktveränderungen zumindest teilweise durch eine Erhöhung des eigenen Risikoselbstbehalts aufgefangen werden. Die Unternehmen können so die Kosten ihrer Versicherungsprogramme besser kontrollieren. Voraussetzung dafür ist ein gut funktionierendes Risikomanagementsystem.
- Optimierte Risikotoleranz auf Gruppenebene: Mit einer Captive kann die Risikotoleranz des Konzerns genutzt werden, wodurch die Versicherungseffizienz erhöht und gleichzeitig kleinere Tochtergesellschaften oder Geschäftseinheiten geschützt werden, wenn die Selbstbeteiligung ihre Risikotoleranz übersteigt.
- Direkter Zugang zu den Rückversicherungsmärkten: Als “Rück(ver)sicherer”
haben Captives direkten Zugang zu den Rückversicherungsmärkten und können von
einem breiteren Angebot profitieren, wenn günstigere Risikoprämien oder
Transaktionskosten verfügbar sind. Die Fähigkeit der Captives, mehr Risiken zu
tragen, erhöht oft die Bereitschaft der Rückversicherer, einen effektiveren
Risikotransfer zu besseren Preisen anzubieten.
Alt und Neu gemischt als Best-Practice-Ansatz
Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Unternehmen und seinem Risikoprofil ist immer der Ausgangspunkt für Veränderungen. Dazu gehört die Identifizierung neuer, zukünftiger Risiken und die Umwandlung bestehender Risikoprofile in eine umfassende Risikolandschaft mit dem Schwerpunkt auf operationellen Risiken, ohne diese jedoch auf traditionell versicherbare Risiken zu beschränken. Auf Grundlage der strategischen Risikoprognose dieser agilen Risikomanagement-Methodik werden Transformationsrisiken frühzeitig antizipiert. So können rechtzeitig geeignete ursachen- und wirkungsbezogene Maßnahmen (z.B. die Identifikation eines adäquaten Risikotransfers) eingeleitet werden. Darüber hinaus werden bestehende Lösungen auf Effektivität und Kosteneffizienz analysiert.
Eine Risikoquantifizierung und -simulation durch ein qualifiziertes Analyseteam bildet die Grundlage für eine erste Einschätzung, ob ART, z. B. in Form einer Captive, eine effektive Lösung für da
Zusammenspiel von versicherbaren, teilversicherbaren und nicht versicherbaren
Risiken zukünftiger Risikopotenziale darstellen kann.
Mit modernen Methoden der Risikomodellierung kann in einer “ART-Vorstudie” der so genannte “Sweet Spot” (optimale Ownership-Kapazität im Zusammenspiel mit klassischem Risikotransfer) herausgearbeitet werden. Werden zwei oder mehr Versicherungsprogramme und nicht versicherbare Risiken in den alternativen Risikotransfer einbezogen, ist eine individuelle Modellierung mit maßgeschneiderten Parametern notwendig, um Diversifikationsfaktoren zu berücksichtigen. Die Erkenntnisse aus der Modellierung für ein optimales Risikomanagement liefern eine realistische Einschätzung der zu erwartenden Gesamtkosten. Dies beinhaltet die Kosten innerhalb des Basis-Selbstbehaltes, die Selbstbeteiligung über ART und den darüber hinausgehenden Risikotransfer über klassische Versicherungsmärkte.
In einem nächsten Schritt kann die Strukturierung der Lösungen, die Analyse und Bewertung der Captive-Vehikel und der verschiedenen Domizile durch eine ergänzende Machbarkeitsstudie im Detail erfolgen.
Der Schlüssel zu allem ist Geduld!
Captives sind keine schnelle Lösung. Grundsätzlich ist es wichtig, eine Captive als eine langfristige Form der Risikofinanzierung zu sehen, da die positiven Effekte oft erst nach einigen Jahren sichtbar werden. Dies gilt insbesondere für die Absicherung von traditionell nicht versicherbaren Transformationsrisiken.
Der Schwellenwert, ab dem es wirtschaftlich sinnvoll ist, eine Captive als langfristiges Risikomanagementinstrument zu betreiben und die notwendige vertragliche Umsetzung vorzunehmen, hängt mit dem (zukünftigen) Risiko zusammen. In der Gesamtbetrachtung überwiegen in der Regel der Glättungseffekt und die zu gewinnende Flexibilität bei der Absicherung wesentlicher – auch traditionell nicht versicherbarer – Risiken sowie die stetig wachsende Unabhängigkeit von den volatilen Versicherungsmärkten.
Nicht selten stehen aber gerade diese “Langfristigkeit” und die Tatsache, dass der Betrieb einer eigenen “Versicherung” außerhalb der Kernkompetenzen des Unternehmens liegt und ihm somit “fremd” ist, dem Entscheidungsprozess des Unternehmensleiters entgegen. In jedem Fall sorgt die eingehende Prüfung der Transformationsrisiken und der Möglichkeiten zu ihrer Bewältigung, auch im Rahmen einer Machbarkeitsstudie, für mehr Transparenz in der konzernweiten Risikolandschaft.
Bei sorgfältiger Gestaltung und Verwaltung ist eine Captive ein Instrument im Werkzeugkasten des Risikomanagers großer Unternehmen, das dazu beitragen kann, die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Transformationsrisiken, u. a. infolge des Klimawandels, zu erhöhen.
Über Gert Wellhöfer
Gert Wellhöfer ist Master of Insurance Business und seit rund 35 Jahren in der Branche tätig. Er war verantwortlich für das globale Management der Allianz Captive sowie für die Beratung internationaler Kunden zu deren ART-Themen. Im Jahr 2021 wechselte er zu Ecclesia Reinsurance Broker, wo er die Position des Managing Directors übernahm.
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