Wie die Naturkatastrophe aus 2023 in Slowenien auf systemische Schwächen in Europa hinweist.

Damir Pelak

7 Min. Lesedauer

Im August 2023 kam es in Slowenien zu verheerenden Überschwemmungen, als innerhalb von nur 24 Stunden so viel Regen fiel wie sonst in einem ganzen Monat. Es war die schlimmste Naturkatastrophe, die Slowenien je erlebt hat, und hatte verheerende Folgen für die Menschen und die Wirtschaft. Wir fragen: Wie kann die Politik in einer solchen Krise helfen? Und welche Rolle sollte die Versicherungsbranche spielen, um Unternehmen dabei zu helfen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen solche extremen Wetterereignisse in Zukunft zu stärken?

Die Überschwemmungen im August 2023 waren eine beispiellose Naturkatastrophe, die viele Menschen das Leben und ihre Häuser kostete. Die Schäden an der Infrastruktur, den landwirtschaftlichen Flächen und den Wirtschaftsgütern Sloweniens waren immens und verursachten erhebliche finanzielle Verluste für Unternehmen und den öffentlichen Sektor. Große Teile des Landes waren betroffen: 183 von 212 Gemeinden erlitten Verluste. Anders ausgedrückt: Von den rund 20.000 Quadratkilometern Sloweniens waren etwa 17.000 von den Überschwemmungen betroffen. Insgesamt hat diese Naturkatastrophe einen Schaden von 9,9 Milliarden Euro verursacht.

Wer trägt die Schuld und was wird dagegen unternommen?

Aus der Perspektive des Risikomanagements zeigen Analysen, dass die Hauptgründe für die enormen Verluste in der mangelnden Instandhaltung der Flussbetten, dem Bau ungeeigneter Infrastrukturen wie beispielsweise der Errichtung falscher Flussbrücken und den Fehlern früherer Regierungen liegen, die in der Vergangenheit beschlossen hatten, den Bau in 100-jährigen Überschwemmungsgebieten zuzulassen.
 
Um diese Missstände zu beheben, hat die slowenische Regierung mehrere Maßnahmen ergriffen. Dazu gehören Notfallpläne, eine schnellere und bessere Koordination zwischen den verschiedenen Behörden, die am Katastrophenmanagement beteiligt sind, sowie die Anwendung der PDNA-Methode (Post Disaster Needs Assessment), um die materiellen Schäden und wirtschaftlichen Verluste zu beheben und den Bedarf an humanitärer Hilfe auf der Grundlage von Informationen der betroffenen Bevölkerung zu ermitteln.  Darüber hinaus wurden rasch mehrere neue gesetzliche Maßnahmen eingeführt, darunter ein Gesetz zur Beschleunigung des Wiederaufbauprozesses nach der Flut auf staatlicher Ebene und zur Bereitstellung von Entschädigungen für die Geschädigten.

Zeit ist von entscheidender Bedeutung

Nach dem Sommer 2023 war die Regierung vor allem besorgt, dass die Regenzeit im November die aktuelle Situation noch verschlimmern könnte. Sie konzentrierte sich darauf, dass alle Flussbetten von Trümmern befreit werden, alle Erdrutsche beseitigt und unter Kontrolle waren und dass die kritische Infrastruktur (Gas, Warmwasser, Telekommunikation, Straßen usw.) vor Beginn der Regenzeit voll funktionsfähig ist. 
 
Abgesehen von den unmittelbaren wetterbedingten Sorgen arbeitete die slowenische Regierung mit internationaler Unterstützung und Finanzierung daran, die von der Flut betroffenen Gebiete vollständig wiederherzustellen und langfristig widerstandsfähig zu machen. Dazu gehört die kontinuierliche Überwachung des Wiederaufbauprozesses, die aktive Instandhaltung von Hochwasserschutzsystemen und die Umsetzung von Maßnahmen zur Minderung künftiger Hochwasserrisiken. Trotz all dieser Bemühungen wird die gesamte Wiederaufbauzeit in Slowenien erheblich sein. Ersten Schätzungen zufolge wird es fünf bis zehn Jahre dauern, bis sich das Land vollständig erholt haben wird. Dies ist auf das Ausmaß der Schäden und die Komplexität des Wiederaufbauprozesses zurückzuführen. Es geht nicht nur um die Reparatur und den Wiederaufbau der Infrastruktur, sondern auch um die Lösung von Umweltproblemen wie die Beseitigung kontaminierter Sedimente und die Wiederherstellung von Ökosystemen.
 
Darüber hinaus gibt es auch finanzielle Erwartungen. Die slowenische Regierung arbeitet daher an der Einführung eines Interventionsgesetzes, mit dem eine neue Steuer und ein Solidaritätsbeitrag eingeführt werden sollen, die den Wiederaufbauprozess beschleunigen sollen. Dieses Gesetz wird festlegen, dass Bürger:innen 0,3 % der jährlichen Einkommensteuer und alle Unternehmen 0,8 % ihres Gewinns vor Steuern zur finanziellen Erholung des Landes beitragen.

Über Slowenien hinaus: Unterbrechung der
globalen Lieferkette

Die Überschwemmungen in Slowenien haben nicht nur die Slowen:innen selbst getroffen. Sie hatten auch indirekte globale Auswirkungen. In Slowenien gibt es viele Unternehmen, die in die globale Lieferkette eingebunden sind, beispielsweise Hersteller von Autoteilen. Zwei dieser großen slowenischen Unternehmen sind KLS Ljubno und TAB Mežica.

KLS Ljubno ist ein wichtiger Lieferant von Zahnrädern für die meisten europäischen Automobilhersteller. Das Unternehmen beliefert 80 % aller europäischen Hersteller und hat einen Anteil von 17 % am Weltmarkt für diese Autoteile. Die Schließung des Unternehmens aufgrund der Überschwemmungen hatte zur Folge, dass Volkswagen die Produktionszeiten in Wolfsburg reduzieren und die Produktion in Portugal sogar für mehrere Wochen einstellen musste.  Auch TAB Mežica, einer der Hauptlieferanten von Batterien für Volkswagen, Volvo und Daimler, verursachte Störungen in der Lieferkette. Beide Unternehmen konnten wochenlang ihre Produktion nicht wieder aufnehmen.

Wie ist die EU auf die Auswirkungen des
Klimawandels vorbereitet?

Verheerende Naturkatastrophen wie die in Slowenien sind leider keine Ausnahmen mehr. Weltweit nehmen Naturkatastrophen zu, und leider müssen wir davon ausgehen, dass sie aufgrund des Klimawandels und verschiedener anderer Einflussfaktoren in naher Zukunft nicht abnehmen werden. 
 
Ist die EU also auf die zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels vorbereitet? In gewissem Maße ja, denn:
 
Im Jahr 2002 richtete die Europäische Union als Reaktion auf die verheerenden Überschwemmungen in Mitteleuropa in jenem Sommer den Solidaritätsfonds ein. Dieser Fonds stellt seinen Mitgliedstaaten oder Beitrittskandidaten im Falle einer großen Naturkatastrophe finanzielle Unterstützung zur Verfügung. Seit 2020 deckt der Solidaritätsfonds auch große Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie die COVID-19-Pandemie ab. Slowenien soll 400 Millionen Euro aus dem Solidaritätsfonds erhalten, um den Wiederaufbau zu unterstützen.
 

EU-Katastrophenhilfe:
Die EU-Reserve für Notfälle beträgt derzeit maximal 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Angesichts zahlreicher Naturkatastrophen warnt die EU-Kommission vor Engpässen – sie plant daher, den Fonds für die Jahre 2024 bis 2027 um 2,5 Milliarden Euro aufzustocken (Zustimmung der Mitgliedsstaaten steht noch aus).

Zusätzlich stehen weitere Mittel aus dem 1994 eingerichteten Kohäsionsfonds zur Verfügung. Der Kohäsionsfonds unterstützt finanziell Umweltprojekte und Projekte des transeuropäischen Verkehrsnetzes („Connecting Europe“) in den Mitgliedstaaten, deren Bruttonationaleinkommen pro Kopf weniger als 90 % des EU-Durchschnitts beträgt. Slowenien hatte bereits vor den Überschwemmungen eine Förderung in Höhe von 3,3 Milliarden Euro zugesagt bekommen. Die EU-Kommission will nun größtmögliche Flexibilität zeigen und die Verwendung der bewilligten Mittel bestmöglich umverteilen, um den Wiederaufbau des Landes zu unterstützen.

Darüber hinaus wurde kürzlich ein weiterer Fonds eingerichtet, aus dem Mittel entnommen werden können: der Next Generation EU Reconstruction Fund (Economic Stimulus Package 2021 – 2027; Volumen 750 Milliarden EUR in Preisen von 2018), der als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie ins Leben gerufen wurde und eine wichtige EU-Initiative zur Förderung der wirtschaftlichen Erholung und zur Beschleunigung der grünen und digitalen Transformation in den Mitgliedstaaten darstellt. Seine Hauptaufgabe besteht darin, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln und den Übergang der Europäischen Union zu einer nachhaltigeren und technologisch fortschrittlicheren Zukunft zu erleichtern. Um dies zu erreichen, werden die Mitgliedstaaten ermutigt, mindestens 37 % der Mittel in die grüne Transformation und mindestens 20 % in die digitale Transformation zu investieren. Darüber hinaus verlangt der Fonds, dass alle Ausgaben auf ihre ökologische Nachhaltigkeit hin geprüft werden (Ziel der Klimaneutralität bis 2050).  Slowenien wurden aus diesem Fonds 2,7 Milliarden Euro zugewiesen, die für den Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe verwendet werden sollen.

Diese Mittel sind für jedes Land von großem Nutzen, aber reichen sie aus?

Notwendige Hilfsmaßnahmen und langfristige
Transformationsziele in Einklang bringen

Eine der größten Herausforderungen bei der Verwendung des Next Generation Fund der EU sowie des Kohäsionsfonds für den Wiederaufbau nach der Flut ist es, das richtige Gleichgewicht zwischen notwendiger Hilfe und langfristigen Transformationszielen zu finden. Während es entscheidend ist, den betroffenen Regionen schnelle und umfassende Unterstützung zu bieten, ist es ebenso wichtig, die für die grüne und digitale Transformation vorgesehenen Ressourcen nicht zu untergraben. Ein sorgfältiger und kritischer Ansatz in Bezug auf diese Fragen ist unerlässlich.  Zunächst einmal ist es wichtig zu erkennen, dass die Hauptaufgabe dieser EU-Fonds darin besteht, einen nachhaltigen Wandel voranzutreiben. Daher sollte jede Umleitung von Mitteln für die Katastrophenbewältigung von einem klaren Plan geleitet werden, um sicherzustellen, dass diese Investitionen auch zu umfassenderen grünen und digitalen Zielen beitragen. So könnten Wiederaufbauprojekte nach Katastrophen beispielsweise so konzipiert werden, dass sie grüne Infrastruktur, erneuerbare Energiequellen und widerstandsfähige digitale Systeme umfassen.

Zeit zu handeln: Wie können Regierungen und
Versicherer zusammenarbeiten?

Im Vorjahr wurde Europa, einschließlich der östlichen Spitze des Kontinents und des Nahen Ostens, von schweren Stürmen, Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden und Erdbeben heimgesucht. Unabhängig von der Art der Katastrophe ist unbestreitbar, dass sie alle einen enormen negativen Einfluss auf das soziale und wirtschaftliche Leben haben und die Betroffenen große Schwierigkeiten haben, damit zurechtzukommen. 

Deutschland:
Schwere Stürme brachten heftigen Regen und zerstörerische Winde über mehrere
Städte und Gemeinden im ganzen Land.
Österreich: In der Steiermark, in Tirol und in Salzburg kam es zu Überschwemmungen und
Erdrutschen, während Kärnten von Hagel mit bis zu 8 cm Durchmesser heimgesucht
wurde
Italien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina: In allen drei Ländern sorgten
ununterbrochene Regenfälle für schwere Überschwemmungen
Frankreich: Der Westen Frankreichs wurde von einem seltenen Erdbeben der Stärke 5,8
erschüttert. Einen Monat später wurde die Region im mittleren Westen von
Überschwemmungen heimgesucht.
Spanien: Die Dürre hält an, und das Land ist weiterhin von Wasserknappheit betroffen.
Griechenland: Nach einer Reihe von Hitzewellen wurden mehr als 80 Waldbrände registriert.
Türkei: Am 6. und 7. Februar 2023 verwüsteten mehrere schwere Erdbeben den Südosten der Türkei
und den Nordwesten Syriens. Mehr als 55.000 Menschen starben, und viele Gebäude
wurden zerstört. Die wirtschaftlichen Gesamtschäden beliefen sich auf 40
Milliarden US-Dollar, die versicherten Schäden auf 5 Milliarden US-Dollar.

Das zeigt, dass partnerschaftliche Lösungen zwischen dem öffentlichen Sektor und der Versicherungswirtschaft gefragter sind, denn je. In einigen Ländern wurden Pflichtversicherungspools eingerichtet, um die finanziellen Folgen von Naturkatastrophen zu mildern. Gute Beispiele hierfür finden sich in Frankreich, Spanien und der Türkei.

  • Frankreich: Die sogenannte „Garantie contre les risques de Catastrophes naturelles” (CatNat Pool) wurde am 13. Juli 1982 per Gesetz eingeführt. Dieser Pool deckt Verluste, einschließlich Folgeschäden und Ausgaben. Die Versicherten müssen eine zusätzliche Pflichtprämie zahlen, die an das oben genannte Gesetz gekoppelt und durch dieses geregelt ist. Der Versicherungsschutz wird gewährt, sobald die französischen Behörden offiziell eine Naturkatastrophe erklärt haben.
  • Spanien: Der 1941 gegründete Consorcio de Compensacion de Seguros ist ein Katastrophenversicherer, der Entschädigungen für Verluste leistet, die durch eine Reihe von Naturgefahren verursacht werden. Auch gesellschaftspolitische Risiken (z. B. Terrorismus), die in Spanien auftreten, sind durch diesen Pool abgedeckt. Die Versicherten müssen sich an diesem Pool durch Zahlung einer zusätzlichen Prämie beteiligen, deren Höhe von der Art des Risikos und der Versicherungssumme abhängt.
  • Türkei: Im Jahr 2000 wurde per Gesetz ein Versicherungspool eingerichtet, der eine obligatorische Erdbebenversicherung für Wohngebäude bietet – der Turkish Catastrophe Insurance Pool (TCIP). Dadurch konnte die Versicherungsdichte zur Deckung von Erdbebenschäden bei Eigenheimen landesweit auf über 50 % erhöht werden. Der für diese Deckung zu zahlende Tarif hängt vom Standort des versicherten Gebäudes und in einigen Fällen von der Höhe der Selbstbeteiligung ab, die der Versicherte wählt.  In der Türkei wurden vier Erdbebenzonen für die Prämienberechnung festgelegt, für die jeweils unterschiedliche Prämiensätze gelten.

Sollten andere Länder diesem Beispiel folgen und ebenfalls obligatorische Versicherungspools einrichten, um sich gegen Naturkatastrophen abzusichern, oder gibt es eine andere Lösung?

Ungleiche Behandlung aufgrund unterschiedlicher nationaler Versicherungssysteme für Naturkatastrophen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz guter Absichten bestimmte EU-Mittel für die Katastrophenhilfe missbraucht oder zumindest zweckentfremdet werden. Ein großes Problem in dieser komplexen Angelegenheit ist die Tatsache, dass jeder Mitgliedstaat das Thema Versicherung gegen Naturkatastrophen auf eigene Faust und unabhängig von den anderen behandelt. Es gibt Mitgliedstaaten, die eine Pflichtversicherung gegen Schäden durch Naturkatastrophen eingeführt haben (z. B. Frankreich oder Spanien), während in anderen Mitgliedstaaten wie Deutschland und Österreich zwar intensive politische Diskussionen geführt werden, aber keine Lösungen in Sicht sind. Wenn man provokativ sein wollte, könnte man auch von einer Ungleichbehandlung der Mitgliedstaaten bei der Verwendung von EU-Mitteln sprechen.

Es ist klar, dass dringend an einer harmonisierten europäischen Lösung gearbeitet werden sollte. Zumindest sollten gemeinsame Mindeststandards für die Mitgliedstaaten festgelegt und darauf aufbauend ein gemeinsames Rückversicherungsinstrument bzw. ein neuer koordinierter Katastrophenfonds eingerichtet werden.
 
 

Damir Pelak

General Manager GrECo Slovenia

T+386 (0) 40 875 066

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Juni 11, 2024